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Gedanken zu einer speziellen Belastung für_Sc

Gedanken zu einer speziellen Belastung für_Sc  
Gottfried Helms
 Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela  
T. Fink
 Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela  
Gottfried Helms
 Re: Gedanken zu einer speziellen Belastung für_Schüler  
Alfred Zimmer
 Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela  
Gottfried Helms
 Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela  
Marcel Debrus
 Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela  
Gottfried Helms
 Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela  
Marcel Debrus
 Re: Gedanken zu einer speziellen Belastung für  
Rolf Strässle
From:Gottfried Helms
Subject:Gedanken zu einer speziellen Belastung für_Sc
Date:Thu, 02 Dec 2004 21:02:45 +0100
Hallo NG,

ich hatte gerade ein Gespräch mit meiner Tochter (Kl 10, knapp 15 Jahre)
zum Thema EU und soziale Frage (Anknüpfungspunkt Kapital/Arbeit/Lohnabhän-
gigkeit usw.) in PoWi als Thema der nächsten Klassenarbeit.
Nach einer Weile diskutieren kochte in ihr so langsam ein Zorn
darüber hoch, daß die sozialen Bedingungen sich offensichtlich nicht
langfristig gegenüber den Beschreibungen des vorigen und vorvorigen
Jahrhunderts geändert haben, und nun wieder die Perspektiven der Ju-
gendlichen denen ihrer Vorgänger in vielen Aspekten angleichen.
Gut - hier diskutiert man als Erwachsener mit einem gewissen geschicht-
lichen/sozialgeschichtlichen Überblick gut mit. Was mich aber
richtig unangenehm berührt hat, war dann der kleine Ausbruch darüber,
daß "wir in den Schulbüchern auch noch die Schuld an der ganzen Krise
zugeschoben kriegen - nach dem Motto, z.B. Energie- und Umweltkrise,
daß die 18-24 jährigen mit ihrem Autowunsch erst richtig die Ozonschicht-
zerstörung befördern..."
usw in etwa. Es sei zwar so nicht direkt formuliert, aber es käme
mittlerweile so 'rüber, und das wäre "langsam richtig zum kotzen".

Abgesehen jetzt davon, daß ich die aktuellen Schulbücher nicht
kenne, machte mich diese Stimmung etwas besorgt. Könnt Ihr diese
Stimmung/ dieses Gefühl meiner Tochter nachvollziehen? Gibt es
faßbare Anlässe dafür in den Schulbüchern - oder auch unterschwellige?
Zumindest gegenüber den Medien kann ich solch eine Kritik sicherlich
verstehen: dort werden wir täglich auf die Katastrophen fokussiert,
auf die Darstellung der Krisen und das vielfache Scheitern unserer
gesellschaftlich Agierenden in diesen Krisen - und sehr selten einmal
Berichte von Fortschritten auf greifbarer, nachvollziehbarer Ebene
wie Versöhnungsarbeit zwischen ehemals Kriegsgegnern, sozialen
Projekten zur Selbsthilfe im lokalen oder internationalen Bereich,
oder wie kürzlich einmal über den Friedensmarsch der sunnitischen (?)
Muslime im Irak.

Und - falls Ihr diese Stimmung, die meine Tochter geschildert hat,
nachvollziehen könnt: wie geht ihr eigentlich damit um? Und gibt es
ggfls Ansätze/Beispiele, wo/wie solchem gegengesteuert wird?

fragt -

Gottfried Helms
From:T. Fink
Subject:Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela
Date:Sun, 05 Dec 2004 19:59:42 +0100
Gottfried Helms wrote:

> Hallo NG,
>
> ich hatte gerade ein Gespräch mit meiner Tochter (Kl 10, knapp 15 Jahre)
> zum Thema EU und soziale Frage (Anknüpfungspunkt Kapital/Arbeit/Lohnabhän-
> gigkeit usw.) in PoWi als Thema der nächsten Klassenarbeit.
> Nach einer Weile diskutieren kochte in ihr so langsam ein Zorn
> darüber hoch, daß die sozialen Bedingungen sich offensichtlich nicht
> langfristig gegenüber den Beschreibungen des vorigen und vorvorigen
> Jahrhunderts geändert haben, und nun wieder die Perspektiven der Ju-
> gendlichen denen ihrer Vorgänger in vielen Aspekten angleichen.
(Rest gekürzt)

Also ich gratuliere Dir erst mal zu einer Tochter, die mitdenkt und sich
tatsächlich doch eine Meinung zu sich und der Welt bildet. Die Regel
sieht doch leider anders aus: Da zählen Handys, Mode, usw. bei den einen
(oft aus sozial schwächeren Familien, bei mir die Masse) oder die reinen
Noten und der gute Eindruck (bei den "Strebern", kommen bei mir oft
familiär aus der Mittelschicht) und alle Umwelt- und Sozialthemen werden
da oft entweder als Spinnerkram oder als nicht Prüfungsrelevant beiseite
geschoben. Ich habe in jetzt 5 Jahren Schuldienst erst einen einzigen
Schüler gehabt, der echtes Interesse an diesen Themen hatte, wobei
natürlich auch eine Rolle spielt, dass ich eben an einer kaufmännischen
Berufsschule bin.

Cheers

Torsten


--
Kill Holzmichl!
From:Gottfried Helms
Subject:Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela
Date:Sun, 05 Dec 2004 21:28:03 +0100
Am 05.12.04 19:59 schrieb T. Fink:

> Also ich gratuliere Dir erst mal zu einer Tochter, die mitdenkt und sich
> tatsächlich doch eine Meinung zu sich und der Welt bildet.


() (-buddh. Verbeugungsgruß)


;-)

> Die Regel
> sieht doch leider anders aus: Da zählen Handys, Mode, usw. bei den einen
> (oft aus sozial schwächeren Familien, bei mir die Masse) oder die reinen
> Noten und der gute Eindruck (bei den "Strebern", kommen bei mir oft
> familiär aus der Mittelschicht) und alle Umwelt- und Sozialthemen werden
> da oft entweder als Spinnerkram oder als nicht Prüfungsrelevant beiseite
> geschoben. Ich habe in jetzt 5 Jahren Schuldienst erst einen einzigen
> Schüler gehabt, der echtes Interesse an diesen Themen hatte, wobei
> natürlich auch eine Rolle spielt, dass ich eben an einer kaufmännischen
> Berufsschule bin.
>
Yepp. Umso mehr wäre es schade, gerade diese zu überfordern...

Freundliche Grüße -

Gottfried Helms
From:Alfred Zimmer
Subject:Re: Gedanken zu einer speziellen Belastung für_Schüler
Date:04 Dec 2004 14:41:00 +0200
helms@uni-kassel.de meinte am 02.12.04
zum Thema "Gedanken zu einer speziellen Belastung für Schüler":

> Hallo NG,

Hallo Gottfried

>
> ich hatte gerade ein Gespräch mit meiner Tochter (Kl 10, knapp 15
> ..........
> Abgesehen jetzt davon, daß ich die aktuellen Schulbücher nicht
> kenne,

Letzteres find ich nicht gut, bin ich doch der Meinung, dass
Eltern an der Bildungsentwicklung ihrer Kinder teilnehmen sollten.

Vorschlag: Leihe doch die entsprechenden Bücher bei Deiner
Tochter aus und schau einmal, was den Kids heute in der Schule
beigebracht wird.

> machte mich diese Stimmung etwas besorgt. Könnt Ihr diese
> Stimmung/ dieses Gefühl meiner Tochter nachvollziehen? Gibt es
> fassbar Anlässe dafür in den Schulbüchern - oder auch
> ..........

Also ich kann Deine Tochter ganz gut verstehen.

Die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen und Rahmen-
bedingungen werden derzeit von der Altersgruppe der
40- bis 70ig-jährigen bestimmt und sind damit auch von denen
zu verantworten.

Das bedeutet aber, dass es unsere Generation ist, die unseren
Kindern ein Misthaufen hinterlässt, den die dann zu beseitigen haben.

Das Gefühl, im Alter von 15 Jahren den Erwachsenen hilflos
ausgeliefert zu sein und auch noch indirekt und unterschwellig
die Schuld zugeschoben zu bekommen, kenne ich von meiner eigenen
Schulzeit her und kann ich auch heute noch gut nachvollziehen.


> unterschwellige? Zumindest gegenüber den Medien kann ich solch eine
> Kritik sicherlich verstehen: dort werden wir täglich auf die
> Katastrophen fokussiert, auf die Darstellung der Krisen und das
> vielfache Scheitern unserer gesellschaftlich Agierenden in diesen
> Krisen - und sehr selten einmal Berichte von Fortschritten auf
> greifbarer, nachvollziehbarer Ebene wie Versöhnungsarbeit zwischen
> ehemals Kriegsgegnern, sozialen Projekten zur Selbsthilfe im lokalen
> oder internationalen Bereich, oder wie kürzlich einmal über den
> Friedensmarsch der sunnitischen (?) Muslime im Irak.
>
> Und - falls Ihr diese Stimmung, die meine Tochter geschildert hat,
> nachvollziehen könnt: wie geht ihr eigentlich damit um? Und gibt es
> ggfls Ansätze/Beispiele, wo/wie solchem gegengesteuert wird?

Wir können nicht so tun, als hätten wir den Luxus, die Dinge um
uns herum nur aus der Distanz und abstrakt betrachten zu können.
Die Medien verführen leider dazu, die Dinge in dieser Welt kleiner
und distanzierter zu betrachten, als es ihnen angemessen ist.


Gegensteuerung:

Versöhnungsarbeit wird beispielsweise in der Kriegsgräberpflege geleisted.

Wie wäre es mit internationalem Schüler-Austausch?

Möchte Deine Tochter Krankenschwester/Ärztin werden, könnte Sie
bei Ärzte ohne Grenze mitarbeiten.

Aber auch als 15-jährige könnte sie beim Arbeiter Samariter Bund,
dem RK oder der Freiwillige Feuerwehr mitarbeiten.

Ich denke, mit etwas Nachdenken ließe sich etwas finden, mit dem
man das Gefühl der Hilflosigkeit und der damit verbundenen Wut
im Bauch gegensteuern kann.


> fragt -
>
> Gottfried Helms


MfG

Alfred Zimmer
From:Gottfried Helms
Subject:Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela
Date:Sun, 05 Dec 2004 14:05:11 +0100
Hallo Alfred, hallo Rolf -

zunächst herzlichen Dank für die einfühlsamen Antworten!

Am 04.12.04 13:41 schrieb Alfred Zimmer:
>
> Letzteres find ich nicht gut, bin ich doch der Meinung, dass
> Eltern an der Bildungsentwicklung ihrer Kinder teilnehmen sollten.
>
> Vorschlag: Leihe doch die entsprechenden Bücher bei Deiner
> Tochter aus und schau einmal, was den Kids heute in der Schule
> beigebracht wird.

Sicher. Mittlerweile liest meine Tochter so viel, daß ich nicht
mehr mitkomme. Das fing an mit den Isau und Kordon-Büchern, und
setzt sich mittlerweile fort in einer Breite, die ich selbst nicht
mehr überschaue. (und auch nicht unbedingt will, nämlich wenn
ich (selbstkritisch) darauf achte, sie ein wenig aus der elter-
lichen Kontrolle zu entlassen - leider bin ich in vielen Aspekten
zu einem wahrscheinlich ungünstigen "ganz oder gar nicht" geneigt,
nicht ganz einfach, sich das abzugewöhnen und Mittelwege zu finden)

>
> Das bedeutet aber, dass es unsere Generation ist, die unseren
> Kindern ein Misthaufen hinterlässt, den die dann zu beseitigen haben.
>
> Das Gefühl, im Alter von 15 Jahren den Erwachsenen hilflos
> ausgeliefert zu sein und auch noch indirekt und unterschwellig
> die Schuld zugeschoben zu bekommen, kenne ich von meiner eigenen
> Schulzeit her und kann ich auch heute noch gut nachvollziehen.

Yepp. An analoges zu Satz 1 erinnere ich mich auch aus meiner eigenen
Schulzeit, mit Satz 2 mußte ich mich glücklicherweise durch meine Eltern
nicht in dieser Form auseinandersetzen.
Die Frage für mich ist: wo finde ich dieses "unterschwellige", falls
es denn zu finden ist, und wie kann man es (wenigstens ein bißchen)
neutralisieren?
>
> Wir können nicht so tun, als hätten wir den Luxus, die Dinge um
> uns herum nur aus der Distanz und abstrakt betrachten zu können.
> Die Medien verführen leider dazu, die Dinge in dieser Welt kleiner
> und distanzierter zu betrachten, als es ihnen angemessen ist.

Es gibt
a) diesen Alarmismus
b) die Fokussierung auf "die großen Ereignisse". Z.b. kürzlich
gut zu verfolgen in der Diskussion über den Umgang mit dem
Nationalsozialismus: im Allgemeinen Filme und Artikel, die Holocaust,
Krieg, Untergang... thematisieren, vs. wenigen solcher sehr einfühl-
samen Berichte wie diesem aus Victor Klemperers Tagebüchern kürzlich
in Sat 3 über den Aufbau der Terrorherrschaft im Alltag... über kleine
Vorschriften und Maßnahmen, die nachvollziehbar den Alltag veränderten
und eine allgemeine Stimmung hervorriefen / diese konturierten, die
hierdurch verständlicher, realistischer, fühlbarer und dadurch auch
realistischer und mit einem gewissen größeren Zutrauen bekämpfbarer
wird.

>
>
> Gegensteuerung:
>
> Versöhnungsarbeit wird beispielsweise in der Kriegsgräberpflege geleisted.
>
> Wie wäre es mit internationalem Schüler-Austausch?
>
> Möchte Deine Tochter Krankenschwester/Ärztin werden, könnte Sie
> bei Ärzte ohne Grenze mitarbeiten.
>
> Aber auch als 15-jährige könnte sie beim Arbeiter Samariter Bund,
> dem RK oder der Freiwillige Feuerwehr mitarbeiten.
>
> Ich denke, mit etwas Nachdenken ließe sich etwas finden, mit dem
> man das Gefühl der Hilflosigkeit und der damit verbundenen Wut
> im Bauch gegensteuern kann.

Ja, sie macht Kindergottesdienst als Helferin und liebt es, sich um
die Kleinen zu kümmern, kürzlich ist sie bei Amnesty International
eingestiegen und ist geradezu glücklich, "etwas tun" zu können. Sie
fängt auch an, explizit ihre Schule deswegen zu mögen, weil sie
Lehrer findet, die dies (und auch die SV) aktiv unterstützen.

Noch ein Beispiel - eignet sich leider nicht direkt für meine Tochter,
aber ich glaube, man kann verstehen was ich meine:
Man kann den Blick auf die Völkermord-Katastrophe in Ruanda richten,
so wie das in den Medien geschieht/geschah. Andrerseits war eine
Freundin jetzt ein paar Jahre dort unten in Hilfs- und Versöhnungs-
projekten mit dem Roten Kreuz/DED. Wenn ich heute mit ihr zusammen-
sitze und sie erzählt von den Details, den Erlebnissen, wie Leute
sich zusammenfinden und anfangen sich selbst zu helfen, oder von
dem Stamm in Uganda, die explizit auf Waffenbesitz verzichten,
kommt auf einmal eine ganz andere Athmosphäre 'rüber.
Ähnlich war das im Jugoslawien-Krieg, wenn man -entgegen der
medialen Sichtweise in Schlagzeilen und politischen Berichten
über die Menschenrechtsverletzungen - über andere Kanäle Berichte
über die Arbeit der "Mütter für den Frieden" lesen konnte: klein-
räumig zwar, und unterhalb der Schwelle der täglichen Bericht-
erstattung, aber erfaßbarer, aufbauender und hoffnunggebend für
ein Kind/einen Jugendlichen.

In Bezug auf das Thema "die soziale Frage" hätten wir hier in
Kassel das Beispiel der Gründung des Hauses/der Zufluchtsstätte, das
auch das heutige Frauenhauses nutzt, durch -ich glaube- Frau von
Meysenburg im Zusammenhang mit der Begründung der AWO (müßte ich
alles noch mal genauer nachsehen), in dessen Linie ein Mädchen sich
durchaus die Gruppe Frauen ansehen kann, die das heute (zeitge-
nössisch auf "autonomer" Basis) betreiben.

Bei diesen 3 Beispielen kann ich persönlich die andere Atmosphäre
und die andere Message empfinden; vielleicht erschlägt die Kinder,
wenn zuwenig solcher konkret nachvollziehbarer Beispiele in ihren
Unterrichtseinheiten zur elenden Lage der Arbeiter des 19. Jhdts,
der Bismarck-Ära und des Kampfes der Arbeiterbewegung und später der
Sozialdemokratie z.B. eingeflochten werden - jedenfalls kommt mir
so etwas in den Sinn. Wenn die Umweltbelastung in diesem "Groß-
räumigkeitsstil" dargelegt wird, passiert vielleicht dieselbe
Frustration in Aussichtslosigkeit - und wenn dann, zur womöglich
durchaus gutgemeinten Illustration, konkrete Beispiele aus jugend-
lichem Fehlverhalten hinzugefügt werden, mag dies in die falsche
Richtung gehen....

Hmmm... Stoff zum Nachdenken...

Freundliche Grüße -

Gottfried Helms
From:Marcel Debrus
Subject:Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela
Date:Fri, 03 Dec 2004 20:16:12 +0100
Gottfried Helms schrieb:
> Hallo NG,
>
> ich hatte gerade ein Gespräch mit meiner Tochter (Kl 10, knapp 15 Jahre)
> zum Thema EU und soziale Frage (Anknüpfungspunkt Kapital/Arbeit/Lohnabhän-
> gigkeit usw.) in PoWi als Thema der nächsten Klassenarbeit.
> Nach einer Weile diskutieren kochte in ihr so langsam ein Zorn
> darüber hoch, daß die sozialen Bedingungen sich offensichtlich nicht
> langfristig gegenüber den Beschreibungen des vorigen und vorvorigen
> Jahrhunderts geändert haben, und nun wieder die Perspektiven der Ju-
> gendlichen denen ihrer Vorgänger in vielen Aspekten angleichen.
> Gut - hier diskutiert man als Erwachsener mit einem gewissen geschicht-
> lichen/sozialgeschichtlichen Überblick gut mit. Was mich aber
> richtig unangenehm berührt hat, war dann der kleine Ausbruch darüber,
> daß "wir in den Schulbüchern auch noch die Schuld an der ganzen Krise
> zugeschoben kriegen - nach dem Motto, z.B. Energie- und Umweltkrise,
> daß die 18-24 jährigen mit ihrem Autowunsch erst richtig die Ozonschicht-
> zerstörung befördern..."
> usw in etwa. Es sei zwar so nicht direkt formuliert, aber es käme
> mittlerweile so 'rüber, und das wäre "langsam richtig zum kotzen".
>
> Abgesehen jetzt davon, daß ich die aktuellen Schulbücher nicht
> kenne, machte mich diese Stimmung etwas besorgt. Könnt Ihr diese
> Stimmung/ dieses Gefühl meiner Tochter nachvollziehen?
Ja kann ich, weil ich ähnliches letztes Jahr in einer Diskussion mit
Schülerinnen erlebt habe. Mein subjektives Fazit: Gerade Mädchen in
diesem Alter (14-18) zeigen eine hohe Sensibilität, wenn es um
Umweltfragen geht. Sie fühlen sich sehr verantwortlich und setzen sich
stärker als Jungs mit den Themen Umwelt und Umweltschutz auseinander.
Gleichzeitg erleben sie aber einen gewissen Widerspruch zu der
vorgelebten Realität z.B. Rauchen oder in diesem Fall: Führerschein mit
18 - endlich selber Auto fahren können und mobil sein. Diese "Freiheit"
verträgt sich nur schwer mit dem Umweltschutzgedanken, gerade dann,
wenn in der Schule über individuelle Ansätzze des Umweltschutzes
diskutiert werden und die Frage gestellt wird: Was kann ich persönlich
für den Umweltschutz tun. Gerade das "Benzinverschwenden" durch
"Vergnügungsfahrten" und die damit entstehende Schädigung der
Ozonschicht wird dann schnell diskutiert, verengt aber die Perspektive.

Gibt es
> faßbare Anlässe dafür in den Schulbüchern - oder auch unterschwellige?
Politik/Sowi-Bücher greifen das Thema Umweltschutz und
Umweltverschmutzung auf, unterstellen aber keinem, durch etwa das
benutzen von Haarspraydosen oder durch Autofahren zu einer Party die
Ozonschicht zu zerstören. Aber sicherlich kann eine solche Verbindung im
Laufe der Diskussion entstehen. Schulbücher zeigen aber immer auch
Lösungen und Auswege an, die aber nicht als zwingend-dogmatisch sondern
nur als gute Beispiele zu verstehen sind (ZUmindest machen das die
Bücher die ich aus NRW kenne). Auf keinen Fal lwird irgend ein
"negatives" Verhalten moralisch als "schlecht" beurteilt, bzw. Leute,
die sich "schädigend" verhalten, "verdammt" und deren Wünsche oder Ziele
als unangebracht oder gar ungerechtfertigt dargestellt.

> Zumindest gegenüber den Medien kann ich solch eine Kritik sicherlich
> verstehen: dort werden wir täglich auf die Katastrophen fokussiert,
> auf die Darstellung der Krisen und das vielfache Scheitern unserer
> gesellschaftlich Agierenden in diesen Krisen - und sehr selten einmal
> Berichte von Fortschritten auf greifbarer, nachvollziehbarer Ebene
> wie Versöhnungsarbeit zwischen ehemals Kriegsgegnern, sozialen
> Projekten zur Selbsthilfe im lokalen oder internationalen Bereich,
> oder wie kürzlich einmal über den Friedensmarsch der sunnitischen (?)
> Muslime im Irak.
>
> Und - falls Ihr diese Stimmung, die meine Tochter geschildert hat,
> nachvollziehen könnt: wie geht ihr eigentlich damit um? Und gibt es
> ggfls Ansätze/Beispiele, wo/wie solchem gegengesteuert wird?
>
> fragt -
>
> Gottfried Helms


M. Debrus (Geschichts- und Politik-Lehrer)
From:Gottfried Helms
Subject:Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela
Date:Fri, 03 Dec 2004 22:41:42 +0100
Am 03.12.04 20:16 schrieb Marcel Debrus:
>
> Ja kann ich, weil ich ähnliches letztes Jahr in einer Diskussion mit
> Schülerinnen erlebt habe. Mein subjektives Fazit: Gerade Mädchen in
> diesem Alter (14-18) zeigen eine hohe Sensibilität, wenn es um
> Umweltfragen geht. Sie fühlen sich sehr verantwortlich und setzen sich
> stärker als Jungs mit den Themen Umwelt und Umweltschutz auseinander.
> Gleichzeitg erleben sie aber einen gewissen Widerspruch zu der
> vorgelebten Realität z.B. Rauchen oder in diesem Fall: Führerschein mit
> 18 - endlich selber Auto fahren können und mobil sein. Diese "Freiheit"
> verträgt sich nur schwer mit dem Umweltschutzgedanken, gerade dann,
> wenn in der Schule über individuelle Ansätzze des Umweltschutzes
> diskutiert werden und die Frage gestellt wird: Was kann ich persönlich
> für den Umweltschutz tun. Gerade das "Benzinverschwenden" durch
> "Vergnügungsfahrten" und die damit entstehende Schädigung der
> Ozonschicht wird dann schnell diskutiert, verengt aber die Perspektive.

Hallo Marcel -

danke für diese Einschätzung. Möglich, daß ich die Gründe für
ihre Begeisterung für Kindergottesdienst und seit ein paar Wochen
für die Amnesty International-AG zu wenig hinterfragt habe.
Hinzu kommt möglicherweise durch meine eigene politisch aktive
Vergangenheit eine zu starke Betonung der "Katastrophen", wie ich
es in meinem Posting ja auch an die Medien gerichtet habe - mag
sein. Hinzu kommt sicherlich ihr gesellschaftliches "Erwachen"
im Zusammenhang ihrer eigenen Erfahrungen mit, Diskussionen über
und Prognosen betreffs Internet, RF-ID und solchen Sachen.
Vielleicht ist also ein wenig "Übertragung" dabei.

Vielleicht sind das auch nur die sozusagen natürlichen Begleit-
erscheinungen dessen, wenn Jugendliche erstmals den "Blick
auf's Ganze" erwerben und dann mit der verbreiteten Perspektiv-
losigkeit konfrontiert sind.

Aber weh tut's schon, dessen gewahr zu werden, vor allem dieses,
daß sie eine Schuldzuweisung an die Jugendlichen empfindet; ich
würde ihr (und den Kindern/Jugendlichen allgemein natürlich)
Unbefangenheit - und tatsächlich Einbindung in Projekte/Zusammen-
hänge mit auch emotionaler Zuversicht und Freude wünschen.

Hmmm. Mal mehr darauf achten...

Wie gesagt - danke erstmal für Deinen Kommentar.

Gruß -

Gottfried Helms
From:Marcel Debrus
Subject:Re:_Gedanken_zu_einer_speziellen_Bela
Date:Sat, 04 Dec 2004 11:44:36 +0100
Gottfried Helms schrieb:
> Am 03.12.04 20:16 schrieb Marcel Debrus:
>
>>Ja kann ich, weil ich ähnliches letztes Jahr in einer Diskussion mit
>>Schülerinnen erlebt habe. Mein subjektives Fazit: Gerade Mädchen in
>>diesem Alter (14-18) zeigen eine hohe Sensibilität, wenn es um
>>Umweltfragen geht. Sie fühlen sich sehr verantwortlich und setzen sich
>>stärker als Jungs mit den Themen Umwelt und Umweltschutz auseinander.
>>Gleichzeitg erleben sie aber einen gewissen Widerspruch zu der
>>vorgelebten Realität z.B. Rauchen oder in diesem Fall: Führerschein mit
>>18 - endlich selber Auto fahren können und mobil sein. Diese "Freiheit"
>>verträgt sich nur schwer mit dem Umweltschutzgedanken, gerade dann,
>>wenn in der Schule über individuelle Ansätzze des Umweltschutzes
>>diskutiert werden und die Frage gestellt wird: Was kann ich persönlich
>>für den Umweltschutz tun. Gerade das "Benzinverschwenden" durch
>>"Vergnügungsfahrten" und die damit entstehende Schädigung der
>>Ozonschicht wird dann schnell diskutiert, verengt aber die Perspektive.
>
>
> Hallo Marcel -
>
> danke für diese Einschätzung. Möglich, daß ich die Gründe für
> ihre Begeisterung für Kindergottesdienst und seit ein paar Wochen
> für die Amnesty International-AG zu wenig hinterfragt habe.
> Hinzu kommt möglicherweise durch meine eigene politisch aktive
> Vergangenheit eine zu starke Betonung der "Katastrophen", wie ich
> es in meinem Posting ja auch an die Medien gerichtet habe - mag
> sein. Hinzu kommt sicherlich ihr gesellschaftliches "Erwachen"
> im Zusammenhang ihrer eigenen Erfahrungen mit, Diskussionen über
> und Prognosen betreffs Internet, RF-ID und solchen Sachen.
> Vielleicht ist also ein wenig "Übertragung" dabei.
>
> Vielleicht sind das auch nur die sozusagen natürlichen Begleit-
> erscheinungen dessen, wenn Jugendliche erstmals den "Blick
> auf's Ganze" erwerben und dann mit der verbreiteten Perspektiv-
> losigkeit konfrontiert sind.
>
> Aber weh tut's schon, dessen gewahr zu werden, vor allem dieses,
> daß sie eine Schuldzuweisung an die Jugendlichen empfindet; ich
> würde ihr (und den Kindern/Jugendlichen allgemein natürlich)
> Unbefangenheit - und tatsächlich Einbindung in Projekte/Zusammen-
> hänge mit auch emotionaler Zuversicht und Freude wünschen.
>
Das wäre ihr und anderen klar zu wünschen - Was bei vielen Schülern
natürlicherweise Ängste und Emotionen auslöst, ist das zunehmende
Bewußtsein, dass sich die Lebensbedingungen (siehe dein ursprüngliches
Posting) deutlich ändern: Unbefangen das Leben zu genießen, Parties zu
feiern und "sorgenfrei" erwachsen zu werden, ohne ständig dem Input
durch Fernsehen, Radio und Lehrern ausgesetzt zu sein, an die Zukunft
(finanziell, umweltpolitisch) denken zu müssen, ist schwer und hier sind
eindeutig die Lehrer gefragt, nicht wertend negativ zu beeinflussen -
insofern ist an der "unterschwelliger Einflussnahme" schon etwas dran...
> Hmmm. Mal mehr darauf achten...
>
> Wie gesagt - danke erstmal für Deinen Kommentar.
>
> Gruß -
>
> Gottfried Helms
From:Rolf Strässle
Subject:Re: Gedanken zu einer speziellen Belastung für
Date:Sat, 04 Dec 2004 15:10:24 GMT
Gottfried Helms schrieb...

Hallo Gottfried,

> ich hatte gerade ein Gespr=E4ch mit meiner Tochter ...
> Nach einer Weile diskutieren kochte in ihr so langsam ein Zorn
> dar=FCber hoch, da=DF die sozialen Bedingungen sich offensichtlich ni=
cht
> langfristig gegen=FCber den Beschreibungen des vorigen und vorvorigen=

> Jahrhunderts ge=E4ndert haben, und nun wieder die Perspektiven der Ju=
-
> gendlichen denen ihrer Vorg=E4nger in vielen Aspekten angleichen.

Tja, wo deine Tochter recht hat, da hat sie recht. Und =96 meiner=20
bescheidenen Meinung nach =96 werden sich diese =84sozialen Bedingungen=93=
in=20
den n=E4chsten Jahren noch gewaltig verschlechtern =96 wobei davon aller=
dings=20
nicht nur die =84Jungen=93 betroffen sein werden.

> ... Was mich aber
> richtig unangenehm ber=FChrt hat, war dann der kleine Ausbruch dar=FC=
ber,
> da=DF "wir in den Schulb=FCchern auch noch die Schuld an der ganzen K=
rise
> zugeschoben kriegen - nach dem Motto, z.B. Energie- und Umweltkrise,=

> da=DF die 18-24 j=E4hrigen mit ihrem Autowunsch erst richtig die=20
Ozonschicht-
> zerst=F6rung bef=F6rdern..."
> usw in etwa. Es sei zwar so nicht direkt formuliert, aber es k=E4me
> mittlerweile so 'r=FCber, und das w=E4re "langsam richtig zum kotzen"=
..

Auch da w=FCrde ich deiner Tochter voll zustimmen. Warum sollen denn imm=
er=20
nur die Jungen auf all das verzichten, was die Alten ihnen so toll=20
vorleben. So lange jeder Hanswurst glaubt, dass er im Jahr wenigstens 3x=
=20
mit dem Flugzeug irgendwohin fliegen muss, tausend Hausfrauen und -m=E4n=
ner=20
schon morgens mit dem Auto die Br=F6tchen beim 100m entfernten B=E4cker =
holen=20
usw., so lange braucht sich ein 18-j=E4hriger seinen Autowunsch von=20
niemandem in Frage stellen zu lassen.

> Abgesehen jetzt davon, da=DF ich die aktuellen Schulb=FCcher nicht
> kenne, machte mich diese Stimmung etwas besorgt. K=F6nnt Ihr diese
> Stimmung/ dieses Gef=FChl meiner Tochter nachvollziehen?

Sogar sehr gut.

> Und - falls Ihr diese Stimmung, die meine Tochter geschildert hat,
> nachvollziehen k=F6nnt: wie geht ihr eigentlich damit um? Und gibt es=

> ggfls Ans=E4tze/Beispiele, wo/wie solchem gegengesteuert wird?

Gegensteuern? Nur so, dass du selbst das vorlebst, was du von deiner=20=

Tochter verlangst. Und das Gleiche gilt nat=FCrlich f=FCr Lehrer. Nur wa=
s sie=20
selbst bereit sind zu tun, k=F6nnen sie von Sch=FClern verlangen.
Dass Kollegen, die im Jahr 6x (Faschingsferien, Ostern, Pfingsten,=20
Sommerferien, Herbstferien, Winterferien) mit Auto, Flugzeug oder Schiff=
=20
im Ausland urlauben, im Unterricht etwas =FCber =84Energie- und Umweltkr=
ise=93=20
schwafeln, macht dabei die Sache nicht besser. Jugendliche durchschauen =

schnell, was da l=E4uft und =96 im g=FCnstigsten Fall =96 schalten sie e=
infach ab=20
oder die Ohren auf Durchzug. Und das mit Recht.

Gru=DF
Rolf
   

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